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Ireni in Istanbul

ireni in istanbul
Ich beschloss, für ein Jahr etwas Anderes zu machen. Das war nach Jahren, in denen ich nur Eines gemacht hatte: Klausuren zu schreiben und von einem Termin zum Anderen zu rennen. So ging ich für ein Jahr nach Istanbul.

Der Bosporus in meiner Nähe, die Blaue Moschee im Rücken. Ich empfinde die Zeit auf einmal anders. Ich habe auf einmal Zeit, und auch die Bereitschaft, sie zu nutzen. Meinen ersten Tag in Istanbul werde ich niemals vergessen, so tief berührt hat mich diese Stadt. Istanbul ist so tief und ebenso ambivalent  wie es sich oft in mir selber anfühlt.

Ich lief herum mit meiner Kamera und offenen Augen. Nur mir selbst überlassen zu sein, war  sowohl schön als auch beängstigend. Die Kamera hielt ich wie ein Schild vor mich hin, denn alles war langsam. So ganz ohne Sprachkenntnisse fühlte ich mich sehr ausgeliefert. Es heißt, man könne sich mit Händen und Füssen verständigen. Doch dazu müssen alle Gesprächspartner die Bereitschaft dazu haben.

Mein Sozluk, mein Wörterbuch, trug ich ständig mit mir herum, doch trotzdem dauerte ein Aufenthalt im Supermarkt Stunden. In Restaurants wurde ich ziemlich bös über den Tisch gezogen. Ich fühlte mich immer wieder einmal gefangen. Gefangen in der Sprache und der fremden Kultur. Bis zu dem Tag, an dem ich ein kleines einfaches Lokanta mit NamenNemrut entdeckte. Nemrut war irgendwo in einer Seitenstraße unweit der Istiklal, der grossen Einkaufsstrasse.

Dort fing ich an, täglich zu Mittag zu essen. Das Essen war einfach und gut: Gemüse der Saison, Reis, mit etwas Fleisch. Die Mitarbeiter waren warm und freundlich. Dort fand ich endlich das Gegenüber, das mich verstehen wollte. Arif, der Besitzer. Wir fingen mit einem „Merhaba – Nasilsin?“ (Hallo, wie geht’s?) an und nach und nach wurden es mehr Sätze. Allmählich konnte ich Sätze bilden und mich verständigen. Mit meinen etwa 30 Vokabeln konstruierte ich abenteuerliche, aber für Arif verständliche Wort-Kombinationen. Oft saßen wir beim Essen gegenüber, jeder von uns mit einem kleinen Wörterbuch in der Hand. Wir schafften es mitunter sogar, über Religion und Philosophie zu sprechen.

Arif hat noch nie die Türkei verlassen. Er besuche die Schule nur bis zu seinem 15. Lebensjahr. Er weiß nicht, wann man ein Fragezeichen oder einen Punkt setzt. Nichtsdestotrotz war er mein bester Lehrer. Er hat mir, nur durch seine bloße Bereitschaft zuzuhören und mit mir zu kommunizieren, viel beigebracht. Ich selber habe durch meine fehlenden Türkisch-Kenntnisse auf einmal viel besser hinhören und mich konzentrieren müssen. Es war irgendwie befreiend, nicht nur auf eine Klausur hinlernen zu müssen. Ich tat es einfach nur für mich.

Ein bißchen Istanbullu möchte ich mir immer bewahren, gerade wenn es bei mir wieder viel zu schnell zugeht.

Eure Ireni

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