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Green parenting – ganz gemütlich! Ein besonderer Teppich für die kühle Jahreszeit

Steht Ihr auch manchmal an der Bahn und träumt? Oft trennen uns schließlich nur eine verspätete S-Bahn und ein paar Schritte durch kalten Nieselregen vom großen Glück der unverwechselbaren Gemütlichkeit unseres Zuhauses. Nach unserem Umzug im Sommer fehlt in Annas Meyer-Haushalt jedoch eindeutig noch ein schöner Teppich. Diese Tatsache brachte uns auf die Idee, den wirklich lesenswerten Text einer Freundin mit Euch zu teilen. Dabei geht es nicht einfach nur um einen Gegenstand, der slow und „gut“ produziert ist, sondern um eine wirkliche Wohlfühlsteigerung für die ganze Familie. Uns fällt dazu vor allem das schöne Wort Wertschätzung ein.

Jennie bloggt auf www.tangomuddi.com und ich spreche Euch hiermit meine wärmste Leseempfehlung aus. Besonders spannend finde ich ihre Gedanken zum Elternsein mit intensivem Hobby. Ist das nicht etwas, das bei, ach, so vielen von uns viel zu kurz kommt? Nicht bei Jennie! Wirklich eine tolle Frau, Mutter UND Tänzerin.

Aber jetzt zu unserem eigentlichen Thema:

Hier gibt es nichts unter den Teppich zu kehren!

Oder: Greenparenting gelebt im Kinderzimmer

Okay – zugegeben, das Zimmer unserer Tochter ist nicht von Grund auf ökologisch ausgestattet. Als Nummer eins vor sechs Jahren auf die Welt kam, schrieb Papa noch fleißig an seiner Doktorarbeit und Mama bekam monatlich die üblichen 66% Elterngeld ihres mageren Praktikantinnengehaltes. Da war an edle Vollholzmöbel bei weitem nicht zu denken. Diese Zeiten sind zwar vorbei – Papa hat den Doktor in der Tasche und Mutti eine ordentliche Anstellung – mobiliartechnisch sind wir somit nicht mehr auf den multinationalen Einrichtungskonzern aus Schweden angewiesen. Aber die damals günstig erworbenen Möbelstücke bleiben trotzdem in Gebrauch, sind ja schließlich alle noch gut in Schuss. Ein Objekt ist mir jedoch seit langem ein Dorn im Auge. Und zwar dieser raue und unbequeme Lappen auf dem Boden, der die Bezeichnung Teppich wirklich nicht verdient hat. Außer robust kann der nämlich nicht viel. Und, um im Bilde zu bleiben, liebäugele ich schon seit geraumer Zeit mit einem handgewebten Schafswollteppich aus meiner Heimat, den Allgäuer Alpen.

Die Teppichweberei – eine selten gewordene Handwerkskunst

Also beginne ich mit der Recherche. Zunächst fällt mir auf – viele Webereien gibt es hierzulande nicht mehr. Ein paar in Bayern, klar, liegt nahe, Berge, Schafe und auch eine lange Tradition der Baumwollteppiche. Eine Weberei in Hessen und eine Teppichmanufaktur in Sachsen kann ich noch finden, aber dann wiederholen sich die Einträge auf Google und mir wird nur noch Fliessbandware angezeigt.

Ich vergleiche die Auswahl der verschiedenen Manufakturen und lasse letztlich den Heimatfaktor entscheiden. Denn eine echte, von Mensch zu Mensch überlieferte Meinung einer Freundin aus Kindheitszeiten wiegt Google-Likes bei weitem auf.  Zwei, drei Telefonate und mein Wunschteppich ist bestellt. Grau, gewalkt, nicht zu dünn und nicht zu dick. Und, was mich besonders freut, der Teppich wird komplett aus unbehandelter Wolle von heimischen Bergschafen hergestellt. Also natürlich und regional! Für das Walken der Wolle werden lediglich Wasser, Wärme und Reibung eingesetzt. Außerdem ist die Wolle nicht chemisch gegen Motten behandelt.

Während ich zwei Monate lang in Vorfreude schwelge, mache ich mich ein wenig über die Ursprünge der hiesigen Handweberei schlau. Ich finde heraus, dass die Leinenweberei lange Zeit hauptsächlich von Kleinbauern betrieben wurde. Die Bauern sicherten sich damit einen wichtigen Teil ihres Einkommens. Aus dem Zwang zur Sparsamkeit heraus entstand auch der Allgäuer „Blache“, wie Bändel- oder Fleckerlteppiche in Allgäuer Mundart heißen. Statt ausgetragene Kleidung zu entsorgen, wurde sie eben zu Bändel verarbeitet. Die Bäuerinnen schnitten die alten Baumwollstoffe in Form, nähten sie aneinander und verwoben sie kunstvoll in wunderschöne Muster. So war ausgetragene Kleidung noch lange Zeit sehr nützlich.  Recycling at its best – wie ich finde.

Heutzutage gibt es nur noch wenige Webereien, die auf die ganz ursprüngliche Art arbeiten. Aber wie auch die Geschichte unseres Teppichs zeigt, der Wunsch nach regionalen, naturbelassenen Produkten kann in Vergessenheit geratene Traditionen durchaus wiederbeleben.

Fußmassage gefällig?

Inzwischen ist unser neuer Teppich angekommen und siehe da, die Familie hängt seitdem am liebsten im Kinderzimmer ab. Übrigens habe ich auch die meisten meiner Blogbeiträge auf unserem neuen Teppich verfasst! Der Eineinhalbjährige versucht regelmäßig unter den Teppich zu kriechen und sich damit zuzudecken, so sehr kuschelig ist die neue Bodenklamotte. Ich drehe meine Runden auf dem Teppich am liebsten barfuß, denn so habe ich das Gefühl, dass meine Füße regelrecht massiert werden. Das neue Einrichtungsstück ist nicht mehr wegzudenken aus unserem Familienalltag. Seltsam, dass uns das Verlangen danach nicht schon viel früher überkam.

Wir lernen die Hechenbergers kennen

Vor kurzem haben wir eine Woche Winterurlaub mit unseren zwei Kids in Pfronten, dem Geburtsort unseres Schafswollteppichs, verbracht. Dabei haben wir die „Erzeuger“ unseres Teppichs in ihrer Weberei besucht. Empfangen hat uns Simon Hechenberger, der eigentlich Grafikdesigner ist aber inzwischen lieber die Weberei führt statt vor dem Rechner zu sitzen. Neun Handwebstühle zählen wir in dem gemütlichen Werkraum. Diese Webstühle wurden vom Senior Hans gebaut. Früher war Hans Landwirt, aber mit dem Rückgang des Milchpreises hat sich die Familie vor rund 30 Jahren eine neue Existenz aufgebaut. Aus dem Hobby der Mutter Gertrud machte das Ehepaar kurzerhand eine Profession. Hans absolvierte die Ausbildung und Meisterprüfung zum Handweber und funktionierte den Stall zur Werkstätte und den Heustock zum Wolllager um.

Simon erzählt uns auch viel über die Wollproduktion: Wolle ist nicht gleich Wolle. Die Hechenbergers beziehen ihre Wolle aus Neuseeland oder von heimischen Bergschafen aus den Bayerischen- oder Tiroler Alpen. Aufgrund des heutigen Überangebots an preisgünstiger Wolle achtet die Familie besonders streng darauf, dass ihre Wolle ohne Mulesing gewonnen wurde. Das Mulesing bezeichnet ein äußerst schmerzhaftes Vorgehen, bei dem Schafen die Haut rund um After und Genitalien entfernt wird, zumeist ohne Betäubung, um so einem Befall von Fliegenmaden vorzubeugen. Sie wird vor allem in Australien und Neuseeland angewandt. In Deutschland ist diese grausame Technik verboten. Ein handgewebter Schafswollteppich kann zudem bereits die Bezeichnung „handgewebt“ tragen, wenn er die typischen Strukturen eines handgewebten Teppichs aufweist. Ob er dabei maschinell gefertigt wurde, ist egal. Außerdem lässt auch so mancher Biohersteller aus Deutschland gerne in den Billigproduktionsländern Rumänien oder Bulgarien herstellen, Hauptsache die Wolle ist aus Deutschland. Uns ist das nicht egal!

Nach spannenden 90 Minuten werden unsere Kinder unruhig und wollen wieder raus in den Schnee. Wir sagen Dankeschön und Aufwiedersehn! Und verbleiben mit: „Wolle gut, alles gut.“ Oder wie der Allgäuer zu sagen pflegt: „Es gibt nix bessres als ebs Guads!“


Die Tangomuddi ist in ihrem analogen Leben Mutter zweier Kinder, studierte Politologin und Sinologin und passionierte Tangotänzerin, die in China und Frankreich 6 Jahre lang über den Tellerrand geschaut hat, bevor sie zurück ins Heimatland kehrte und heute im Bereich Renewable Energies arbeitet.

Weitere Infos und jede Menge Interaktion zu den Themen Nachhaltigkeit und Zufriedenheit findet Ihr auf unserer Facebookseite “Finding Sustainia“ und bei Twitter unter @Finding_S.

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