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Gesellschaft gestalten – „Thinking in Systems“ kann uns dabei helfen

Es gibt Neuigkeiten! Wir führen eine neue Rubrik hier bei Finding Sustainia: Bücher, die bleiben

Laura Haverkamp und ihre Arbeit bei Ashoka gefallen uns schon lange. Nun kam sie auf die Idee ihre Gedanken zu guten Büchern mit uns zu teilen. Und somit auch mit Euch!!! Tadaaaa!!! Wir sind mit Laura zusammen im Think Tank 30 und haben das Gefühl uns viel zu selten zu sehen. Denn wenn wir uns sehen… BAM!.. dann kommt es in der Regel zu einem Schwall gegenseitiger Inspirationen und allzu oft geht uns irgendwann der Tee oder die Zeit aus. Hier nun also für zwischendurch und FÜR UNS ALLE: Lauras Eindrücke und Buchempfehlungen in unregelmäßiger Regelmäßigkeit. Wir freuen uns auf Dich, Laura!

Ihre erste Empfehlung beginnt mit dem wunderbaren Zitat:

„Let´s face it, the universe is messy.”

Na, neugierig? Wir sind es auch. Und halten uns jetzt erstmal raus. Eure Santa und Anna

“Thinking in Systems“ von Donella H. Meadows, editiert posthum von Diana Wright – Eine Leseempfehlung für alle, die Gesellschaft gestalten wollen

Oft werde ich gefragt, was zu lesen sich lohne. Daher möchte ich heute aus der Reihe „Bücher, die bleiben“ eine Empfehlung geben. Zugegeben, ein bisschen aus dem Pflichtgefühl heraus, mich wieder ein bisschen fit(ter) zu machen an der Theoriefront, begann ich das Buch „Thinking in Systems“ von Donella H. Meadows zu lesen. Und legte es dann drei Tage lang nicht aus der Hand. Was blieb, als ich es zuklappte: Der Wunsch, es viel früher gelesen zu haben. Spoiler: Dieses Buch hat das Potenzial, Deine Sicht auf die Welt zu verändern – insbesondere, wenn Du mit Systemtheorie bislang noch nicht so viel am Hut hattest.
Aus diesem Grund hier ein Plädoyer und eine begeisterte Einladung an alle, die Gesellschaft und Miteinander gestalten (möchten), egal in welchem Zusammenhang: Lest dieses Buch. Tut es jetzt.
Was macht Donella H. Meadows? Sie nimmt uns mit in die „Unordnung unseres Universums“, zeigt eindrucksvoll und doch nicht überfordernd auf: Das Zusammenspiel unserer Welt ist komplex – immer. Sie hält uns den Spiegel vor, indem sie uns einlädt zu verstehen, dass wir alles immer aus der Brille unserer (teils unhinterfragten) Überzeugungen und Glaubenssätze betrachten.
„Everything we know about the world is a model. Every word and every language is a model. All maps and statistics, books and databases, equations and computer programs are models. So are the ways I picture the world in my head – my mental models. None of these is or ever will be the real world.” … […] Our knowledge is amazing, our ignorance even more so.“
Mit dem scharfen Blick einer erfahrenen Systemdenkerin transportiert Meadows mit ihrem Buch eine demütige Haltung gegenüber der Welt, die neugierige Lust macht auf das Beobachten und Experimentieren mit Systemen.
Und so weist sie ganz praktisch auf, wozu das Denken in Systemen führt: Dass wir in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit aufhören, es uns auf der Ebene von „ich hab recht und Du nicht“ sowie vereinzelten Schuldzuweisungen gemütlich zu machen, sondern Komplexität und auch Systemzwänge erkennen und den Mut finden, mit Transparenz und Offenheit Systeme zu restrukturieren, ihr Design zu verändern.
Während es im ersten Kapitel um die Kernbegriffe und Elemente von Systemen – Grundstock, Input, Output, Verknüpfungen und Feedbackschleifen – geht, nimmt sie uns in Kapitel zwei mit in den „Systems Zoo“ – eine Ansammlung oft auftretender und idealtypischer Systeme. Einfaches Beispiel: Die Gesamtbevölkerung (Grundstock), die von Geburten (Input) und Todesfällen (Output) reguliert wird. Einflussfaktoren wie die Müttersterblichkeit oder Lebenserwartung beeinflussen das System.
Sie beschreibt, was Systeme stabil macht und faszinierend – Resilienz, Selbstorganisation und Hierarchie sind hier die zentralen Begriffe. Warum Systeme oft schwer greifbar sind und uns immer wieder überraschen ist Thema im vierten Kapitel. Unser meist zwangsläufig beschränkter Blick auf die Welt, fehlende Information und unser menschlicher Hang zum Linearen stehen uns oft im Weg beim Verständnis von Systemen. Wenn ich 10 Kilo Dünger verteile und 10 Prozent mehr ernte – ernte ich dann 100 Prozent mehr, wenn ich 100 Kilo Dünger verteile? Wohl kaum…
Nachdem Meadows in Kapitel fünf einen Blick auf ganz typische Verhaltensweisen von Systemen legt, gelingt ihr in den beiden letzten Kapiteln, was aus meiner Perspektive oft fehlt in Sachbüchern: Ganz praktisch und sehr pragmatisch aus ihrer Erfahrung heraus Leitlinien für das eigenen Handeln anzubieten. An welchen Hebeln kann man ansetzen, um Systeme zu beeinflussen – um mit ihnen zu tanzen, wie sie so schön formuliert? Welche sind vielversprechend und warum? Was sind Grundsätze des „systems thinking“, die bei Analyse und Design helfen können?
Mehr zuschauen, mehr verstehen wollen über die Zeit hinweg, mehr Informationen verfügbar machen, mehr ausprobieren in kleinen Schritten und mit konstanten Feedbacks und Evaluationen – das sind nur einige Tipps, immer untermauert mit praktischen Beispielen, die alles wunderbar anschaulich machen.
Was bleibt ist nicht nur Lust, mit dieser klugen Frau bei einem Glas Wein den ein oder anderen Kaminabend zu verbringen – zu schade, dass es dazu nicht mehr kommen wird. Es bleibt auch kurz ein schales Gefühl, dass all diese Gedanken schon Anfang der 1990er Jahre gesammelt wurden und weit vorher bekannt waren – und sie noch so weit entfernt von Allgemeinwissen scheinen, selbst bei den Gestalter*innen, denen diese Denkweise gut zu Gesicht stünde. Meadows selbst tröstet: „Things take as long as they take.”
Für mich blieb ein tatsächlich veränderter und geschärfter Blick auf öffentliche Debatten um gesellschaftliche Probleme, sowohl was deren oft überspitzte schwarz-weiß-Vereinfachung betrifft als auch die Sprache, die wir nutzen. Ich gehe nachdenklich aus der Lektüre des Buches mit der Frage, wie (und ob) man die Notwendigkeit zur Zuspitzung und Vereinfachung in Balance bringen kann mit der Notwendigkeit, Komplexität wert zu schätzen und einzubeziehen. Ich fühle mich ermutigt, klare Ziele zu formulieren und immer wieder kritisch zu hinterfragen, ob wir gerade ein Ziel formulieren (Jedes Kind soll die gleichen Chancen haben seine Talente zu entdecken und auszuleben) oder vielleicht doch eher einen Modus (Wir brauchen mehr staatliche Ausgaben in den Unterstützungsprogrammen für Kinder), der uns unter Umständen vom eigentlichen Ziel weglenkt. Gestärkt fühlte ich mich in der Überzeugung zu versuchen, ein Problem möglichst umfassend zu verstehen, bevor man Aktivitäten zu dessen Bekämpfung entwirft.
Donella Meadows schließt ihr Angebot aus Leitlinien mit dieser hier: „Don´t Erode the Goal of Goodness“ und hält ein Plädoyer dafür, die eigenen Ansprüche an menschlichen Umgang, an nachhaltige Entwicklung und das Leben mitmenschlicher Werte nicht niedriger werden zu lassen – aller Komplexität zum Trotz. Und so schlägt sie hier die Brücke, mit der sie mein Herz berührt hat: Den klaren, analytischen Blick auf komplexe Systeme nie zu entkoppeln von den zutiefst menschlichen Verhaltensweisen, Wünschen und Bedürfnissen; der Intuition Raum zu geben und guten Mutes auch „quality over quantity“ zu stellen, wo es richtig erscheint.
Danke für dieses Buch. Es ist eine echte Bereicherung – aus meiner Sicht 😉!

Foto: Christian Klant

Laura Haverkamp, 35, studierte Publizistik, Mandarin und Public Policy in Berlin, bevor sie 2011 nach vier Jahren in der PR-Beratung beim globalen Netzwerk Ashoka – Innovators for the Public einstieg. Dort scoutet und begleitet sie Social Entrepreneurs und setzt sich im Team dafür ein, dass soziale Innovationen in Deutschland bessere Bedingungen für ihre gesellschaftliche Verankerung – ihr Wirkungswachstum – erhalten. Sie ist Mitglied des Think Tank 30 der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Zuletzt veröffentlichte sie zum Thema „New Work? New Sinn!“ auf tbd.community