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Perfektionismus fasten: Mich mal mit etwas mehr Abstand betrachten

Keine Sorge, ich werde jetzt kein Stammkunde bei McDo und schwöre auch sonst nicht den Lehren unserer vegangenen Challenges ab. Mein Ehrenwort an Anna, Team und allen Anderen, die das hier lesen. Wie viele von euch gemerkt haben, war es in den letzten Monaten etwas still um mich. So sehr ich wünschte, es wäre aus Gründen der Entschleunigung und des Minimalismus, lag es schlicht und ergreiffend an einer längeren Phase von blöden Erkältungen, fortgeschrittener Schwangerschaft und dem größten Umzug meines bisherigen Lebens.

never despair

Letzteres klingt schlimmer als es ist. Ich muss ergänzen, dass ich bisher zwar sehr oft umgezogen bin, aber meistens sehr studentisch. Bedingt durch unsere Lebenssituation an verschiedenen Orten, beinhaltete dieser Lebensabschnitt meistens vormöblierte Übergangslösungen. Jetzt wollen wir unser Leben durch den nahenden zweiten Familienzuwachs vereinfachen und haben unseren Lebensmittelpunkt für die nächsten Jahre auf Paris verlagert. Folglich haben wir uns eine größere (60m2) Wohnung gesucht als das kleine Studio, in dem wir bisher wohnten. Und das mussten wir nun from scratch einrichten.

Nach einem Jahr Nachhaltigkeitschallenge und Kein-Zeug, ich habe ja ein Jahr (fast) nichts gekauft, war das gar nicht so einfach. Richtig toll war, dass wir von unseren jeweiligen Familien eine gute Ausstattungsbasis bekamen. Es kamen tolle, antike Möbel aus München, die uns eine grosse Freude bereiten und schöne indische Details und bald Geerbtes, wie Teller, Besteck und und und von der Seite meiner Familie.  Dazu erhielten wir noch viele schöne brauchbare Geschenke. Wir haben auch gebrauchte Sachen genommen, die nicht perfekt, aber dafür zweckmässig und „da“ waren. Ein paar Regale, Bettgestell und Tisch fanden wir in unserer Nähe auf einer französischen Kleinanzeigenseite namens Leboncoin. Wir lieben diese Mischung aus orientalisch und barock. Es ist ein warmen Farbenmix geworden, da nicht alles aufeinander abgestimmt ist, aber doch in sich stimmig wirkt.

Mir war auch sehr wichtig die beiden Nachhaltigkeitsaspekte von „Kein Zeug“ und „kein Plastik“ im Haushalt mit zwei kleinen Kindern so treu wie möglich zu bleiben. Und da ging ich etwas overboard. Gar nicht so einfach, Dinge gebraucht, plastikfrei usw. zu finden.

Es wäre so einfach gewesen, mal schnell einen Putzeimer, Besen, Handfeger oder Mülleimer in der Plastikvariante zu kaufen– wegen Mangel an Auswahl in der Umgebung – fing ich an, mich etwas zu verzetteln. Ich machte ausgiebige Ebay-Searches und erstand gebrauchte Waren, wie gebrauchte Mülleimer aus Metall, einen Emaille- Putzeimer, gebrauchte Holz-Kleiderbügel und einiges mehr. Ja, sogar eine Ikea-Tonne aus Metall für Windeln war dabei, denn bei dem nächsten Kind möchte ich Stoffwindeln verwenden, die ich auch gebraucht kaufte und dann reinigen ließ. Interessanterweise zahlte ich für einige gebrauchte Sachen, wie die Mülleimer, oftmals mehr als für Neuware, aber das war es mir wert. Was aber entscheidender war: so wichtig mir meine Ziele waren und sind, ging sehr viel emotionale Zeit mit dieser Suche nach Lösungen dabei drauf. Während ich ausserdem auf den Screen schaute und angestrengt nachdachte, was ich alles jetzt sofort brauche, was davon plastikfrei umsetzbar ist, packte zur selben Zeit jemand die bereits erstandenen Dinge übertrieben in Plastik ein. Als die Pakete ankamen, nahm unser Recyling-Müll unglaubliche Dimensionen an.Eines musste und wollte ich dann doch neu kaufen. Es handelte sich um Decken und Matratze, die biologisch und tierfreundlich sein sollten.

Ich denke, summa summarum war der Umzug so nachhaltig es ging. Die Verpackung ist vielleicht – hoffentlich – weniger schlimm, als wie wenn ich alles neu gekauft hätte.

Aber was mir wirklich fehlte, war die innere Ruhe. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass je jemand einen entschleunigten Umzug hinkriegt. Oder doch? Ich stand unter einem ganz komischen, fast obsessivem Schaffensdruck, fast so als ob ich gegen die Zeit renne. Meine Emails an Anna und Claudia waren im Stakkato-Stil. Ich hatte kaum Kontakt mit meinen Lieben und eine sehr aufmerksame Mutter und Ehefrau war ich sicher auch nicht. Nichts mit innerer Nachhaltigkeit. Ich glaube, ich war eine kleine Zumutung für meine Umgebung, wie ich da mit viereckigen Augen vor dem Screen sass und mehrere Tabs gleichzeitig aufhatte. Ich war müde und weit weg von mir in meiner Mission des nachhaltigen Umzugs.

Und deswegen ist mein nächster Fastenvorsatz: innere Nachhaltigkeit oder Selbst-Fasten. In wenigen Wochen erwarten wir ein Baby und ich möchte nicht nur äußerlich alles richtig machen, sondern auch emotional nachkommen – und dabei Fehler machen dürfen. Es geht uns ja schliesslich nicht darum, etwas zu gewinnen.  Zucker- und Weizenfasten fällt mir nicht soooo schwer (na gut, ich gebe zu, in Paris fällt mir das etwas schwerer als wo anders), aber weniger getrieben durch meinen Alltag zu hasten, muss ich gerade neu erlernen. Wish me luck!

Eure Santa

 

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Weitere Infos und jede Menge Interaktion findet Ihr auch auf der Facebookseite “Finding Sustainia“, über Twitter unter @Finding_S und über den Blog der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome.