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Deine, meine Verantwortung – wo beginnt und wo endet sie in einer Welt voller globaler Herausforderungen?

Kennst Du nicht auch folgendes Szenario? Jeden Tag erreichen uns Nachrichten aus aller Welt von neuen Krisensituationen. Wachsende soziale Ungleichheiten und Protestbewegungen, wie zum Beispiel in Chile und dem Libanon, Kriege, Armut, die Brände in Australien und ein stark voranschreitender Klimawandel prägen unsere derzeitige, weltweite Situation.

Fragst Du Dich nicht auch angesichts dieser Situation, wie wir  in einer solchen Welt, in der die Herausforderungen zunehmend global und systemimmanent sind, unsere eigene, individuelle Verantwortung fassen können? Die angesprochene Problematik scheint auf der Hand zu liegen; setzt man ihr zu enge Grenzen, gilt man schnell als unsozial und unsolidarisch; setzt man ihr aber zu offene Grenzen, läuft man Gefahr, sich selbst zu überfrachten. Wie also können wir in unserem heutigen Kontext überhaupt unsere persönliche Verantwortung fassen und mit ihr umgehen?

1. Was versteht man eigentlich unter dem Begriff   „Verantwortung“?

Ganz allgemein leitet sich der Begriff der Verantwortung vom Wort „Antwort“ ab. Er bezieht sich damit auf eine Situation, in der jemand auf gezielte Fragen bezüglich seines Handelns und Verhaltens Rechenschaft ablegen muss. Damit ist er besonders stark mit dem Rechtssystem verbunden. Im deutschen Sprachraum kann man ihn bis in das 15. Jahrhundert zurück verfolgen.

2. Begriff der Verantwortung in der Philosophie

Zwar ist der Begriff „Verantwortung“ als Inbegriff moralischer Argumentation innerhalb der Philosophiegeschichte erst relativ spät zu finden. Tatsächlich tauchte der Begriff der Verantwortung erst im 18. Jahrhundert auf.

Die späte Auseinandersetzung in der Philosophie mit der Verantwortung des Menschen soll uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zentrale mit dem Problem von Verantwortung zusammenhängende Fragestellungen, wie etwa die Frage nach der Schuld, Freiheit und Zurechnung/imputatio einer Person, bereits deutlich früher diskutiert worden sind; so etwa in Aristoteles` Nikomachischer und Eudemischer Ethik.

Danach kann man Handlungen einer Person nur dann zurechnen und anlasten, wenn sie freiwillig, in der Kenntnis aller absehbaren Handlungsumstände, sowie willentlich gehandelt hat.

Gerade Unachtsamkeit, Unwissenheit, Fahrlässigkeit und Willensschwäche sind für Aristoteles explizit mit eingeschlossen, welche bis heute unter den Begriffen Freiheit, Kausalität/Intentionalität und Zurechenbarkeit/imputatio verhandelt werden. Aristoteles legte somit bereits früh die Grundlage dafür, Handlungszuschreibungen treffen und eine Person dann auch verantwortlich machen zu können.

3. Modelle der Verantwortung

Von Verantwortung als eigenständigem philosophischem Konzept können wir  jedoch erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprechen. Ab diesem Zeitpunkt unterscheidet die Philosophie in zwei Modelle der Verantwortung; nämlich zum Einen in das klassische Modell der Verantwortung, für das besonders Immanuel Kant mit der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ steht; und zum Anderen in das traditionelle Modell der Verantwortung bei Max Weber.

In Immanuel Kants gesinnungsethischer Moralphilosophie spielt der Begriff der Verantwortung noch keine zentrale Rolle. Entscheidend für ihn sind bei der Beurteilung von Handlungszusammenhängen der an sich gute Wille aus praktischer Vernunft und die Pflicht.

Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

In seinem Vortrag „Politik als Beruf“ von 1919 setzt sich Max Weber erstmals mit einer Ethik der Verantwortung auseinander. Vieles spricht dafür, dass die Frage nach der Verantwortung gerade zu dieser Zeit auf so großes Interesse stieß, da der moderne Mensch im Verhältnis zu früheren Generationen in einer viel komplexeren Welt lebt, sich permanent in vielschichtigen Handlungszusammenhängen befindet, die so vielfältig vernetzt sind, dass es schwierig ist, wirkliche Schuld-, Zuständigkeits-, und Wirkungszuschreibungen treffen und Verantwortung zuschreiben zu können. Besonders deutlich wird diese Vermutung am Beispiel der „politischen Verantwortung“ (Politiker/Vorstand/Trainer/Chef). Denn gerade weil die Zurechenbarkeit so komplex ist, gerade weil klare Grenzen des eigenen Handelns und Steuerns verschwimmen, soll einer oder eine die Verantwortung übernehmen, sowie etwaige Konsequenzen ziehen.

Max Weber unterscheidet dabei in zwei Modelle von Verantwortung, nämlich zum Einen in eine Gesinnungs-, und zum Anderen in eine Verantwortungsethik. Während sich ein Gesinnungsethiker ausschließlich an Regeln und Werten orientiert und damit selber keine Verantwortung für sein Handeln trägt, da die Regeln und Werte verantwortlich sind, bewertet ein Verantwortungsethiker seine Handlungen nur nach ihren Folgen, heißt konsequenzialistisch.

In seinem Vortrag kreisen seine Gedanken angesichts des verlorenen ersten Weltkrieges und der damit einhergehenden Schuldzuschreibung um die Frage, nach welchen Maßstäben sich zukünftiges Handeln ausrichten muss und soll. Max Weber identifiziert dabei drei Qualitäten, die entscheidend sind, nämlich:

  • Leidenschaft für eine Sache
  • Verantwortungsgefühl
  • Augenmaß

4. Was heißt das für unsere eigene, persönliche Verantwortung und Lebensführung in unserem heutigen Kontext?

Die angesprochenen Kriterien – Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß – gelten nach Max Weber nicht ausnahmslos für Politiker, sondern für jeden von uns, der Verantwortung für andere trägt. Die Schwierigkeit liegt dabei gerade darin, dass die jeweiligen Grenzen unserer Verantwortung in einer konkreten Situation jedoch niemals direkt auf der Hand liegen. Dies liegt daran, dass mit jeder getroffenen Entscheidung, jedem konkreten Eingriff oder Unterlassen, die Grenzen wiederum in Bewegung geraten und sich verändern. Für unser tägliches Abwägen, Entscheiden und Handeln kann uns dieses Verständnis der Unmöglichkeit einer Grenzziehung dabei helfen, es erst als Bedingung unserer persönlichen, situativen Freiheit zu verstehen, um so selbstständig mit Augenmaß, Verantwortungsgefühl und moralischer Leidenschaft abwägen, entscheiden und handeln zu können. Denn auf der Welt zu sein heißt verantwortlich zu sein und das gilt für jede Generation von neuem mit ihren unterschiedlichen Themen. Hier sind wir alle mit eingeschlossen; jede/jeder von uns kann aus diesem Bewusstsein heraus mit seinem Verhalten etwas bewirken, verändern und andere inspirieren, sodass etwas Größeres entsteht. Und genau um dieses stärkere Bewusstsein um die Konsequenzen unseres eigenen Verhaltens und um unsere persönliche Haltung geht es, das wir entdecken können – gesinnungs-, und verantwortungsethisch –. Denn bei seinen Überlegungen geht es Max Weber nicht darum, Immanuel Kants Verständnis einer Gesinnungsethik zu kritisieren und zu ersetzten. Vielmehr zielt er darauf ab, es zu ergänzen.

Auf der Homepage der Philosophie des effektiven Altruismus findet Ihr zudem einen sehr interessanten Artikel über die Frage, in welchen konkreten Bereichen, ob Weltarmut, Tierleid oder Zukunft und Zukunftstechnologien Ihr angesichts globaler Herausforderungen die höchste Wirkung mit Eurem Engagement und Eurer Verantwortungsübernahme erzielen könnt. Alles immer für eine nachhaltigere Zukunft.

Globale Probleme: Wo kann ich am meisten bewirken?

Seid Ihr genauso angefixt wie ich, mehr zu tun? Dann lasst es uns gemeinsam anpacken – mit Leidenschaft für eine nachhaltigere Zukunft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß, oder anders gewendet – mit Herz und Verstand aus Freiheit.

Quellen:

Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007.

Heiß, Dominik: Verantwortung in der modernen Gesellschaft – Grundzüge einer interaktionsökonomischen Theorie der Verantwortung; Verlag Karl Alber, Freiburg/München, 2011

Vivica studierte Philosophie und katholische Theologie. Die Frage nach einer guten Lebensführung und dem Menschsein per se sind dabei zentrale Themen, die sie beschäftigten. Da wir aufgrund von anhaltenden Ungleichgewichten und einem stark voranschreitenden Klimawandel eben nicht in der besten aller möglichen Welten leben, reifte in ihr der Wunsch, sich stärker für eine Veränderung der aktuellen Verhältnisse einzusetzen. Mit Nachhaltigkeit verbindet sie vor allem ein stärkeres Bewusstsein für die Konsequenzen des eigenen Handelns und eine daraus resultierende Lebenshaltung. Privat liebt sie es, auf Antikmärkten zu stöbern und so alten noch guten Objekten einen neuen Platz zu geben.

Weitere Infos und jede Menge Interaktion findet ihr auf unserer Facebookseite “Finding Sustainia“ und bei Twitter unter @Finding_S.

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