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Die Grenzen der ökologischen Textilproduktion – ein Interview mit hessnatur

Wichtige Frage: wie haltet Ihr’s mit der Mode? Fair fashion, slow fashion… alles Begriffe, die  in die richtige Richtung weisen, auch wenn es am nachaltigsten ist und bleibt, einfach gar nicht mit der Mode zu gehen. Second Hand, Tauschen, Leihen, Reparieren… oder gar nichts kaufen, damit ließen sich viele Probleme lösen. Nichtsdestotrotz gibt es Kleidungsstücke, die man oder frau einfach gerne neu haben möchte.

Mit Hessnatur haben wir in Deutschland eine gute Einkaufsquelle.  Heute möchten wir Euch deshalb ein Interview mit Sven Bergmann von Hessnatur schenken, der sich geduldig mit unseren (Detail-)Fragen auseinander gesetzt hat! Hierfür ein großes Dankeschön!

Lieber Sven Bergmann, wir freuen uns sehr, dass Sie uns ein Interview zu den “Grenzen der ökologischen Textilproduktion” geben. Wir wissen, dass Hessnatur sich unter den Pioneeren in der nachhaltigen Textilproduktion befindet, vielleicht sogar der Pioneer schlechthin ist.

Würden Sie uns ein wenig über den Hintergrund von Hessnatur erzählen?

Nachhaltig produzierte Mode ist bei Hessnatur keine nachträglich im Unternehmen verankerte Philosophie sondern unmittelbarer Gründungsimpuls. Deshalb arbeitet Hessnatur seit 1976 an der Aufstellung eines breiten Angebots für nachhaltige Mode. Wir orientieren uns dabei am holistischen Prinzip mit den vier Säulen Ökologie, Soziale Standards, Faire Handelsbeziehungen, Nachhaltige Produktion. Hessnatur hat den Anspruch, der wegweisende und führende Anbieter für nachhaltigen Konsum und Lifestyle zu sein, durch eine konsequente und transparente Entwicklung und Auswahl der Produkte.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Was ist Euer Code of Conduct und wie sind Eure Monitoring-Prozesse?  Wie stellt Ihr sicher, dass Eure Textilien wirklich den höhsten Umwelt-, aber auch Sozial-Standards unterliegen?

Hessnatur arbeitet nach strengen Richtlinien und Standards, die fest in den Unternehmensabläufen verankert sind. Unsere Lieferantenpolicy und das Managementsystem Sozialstandards stellen sicher, dass die nachhaltige Produktion nicht nur auf dem Papier steht, sondern gelebte Wirklichkeit ist. Außerdem arbeitet Hessnatur mit der Fair Wear Foundation zusammen und bietet Kleidung nach GOTS Zertifizierung an. Bei eigenen Lieferantenbesuchen, Audits oder Workshops wird an der Verbesserung und Umsetzung der Standards gearbeitet.

Die Kennzeichnungen „natürlich“, „öko“, ja, sogar „bio“ finden sich mittlerweile auf vielen Etiketten von Herstellern, die man auf den ersten Blick nicht unbedingt mit Nachhaltigkeit assoziiert. Was muss ich beim Kauf von Textilien beachten, wenn ich wirklich natürliche Produkte für mich und meine Kinder verwenden möchte?

Wer auf das Zeichen der FWF und auf das GOTS Zeichen achtet, ist schon einmal auf der richtigen Seite. Vor allem sollte man jeden Verkäufer fragen wo und wie die Kleidung produziert worden ist. Nachhaltige Kleidung sollte immer human- und umwelttoxikologisch unbedenklich sein.

Ökologie vs. Funktionalität: Während man für viele Alltagsprodukte und Textilien bereits gute ökologische Alternativen findet (ob nun Second Hand, bei Hessnatur oder anderen Firmen, die hohe Standards einhalten), stößt man auch immer wieder an Grenzen. Ich, zum Beispiel, schlage mich gerade mit der Suche nach guter Schwimmkleidung, Regen- und Matschkleidung für meine Kinder (und teilweise auch für mich) herum und finde keine bzw. wenig überzeugende Alternativen. Auch auf Eurer Seite wurde ich leider nicht fündig. Als ich Euch dann fragte, war Eure Antwort, dass ihr wegen Eurer hohen Standards keine befriedigenden Lösungen für die Produktion finden konntet.

Bei welchen Produkten kommt Ihr an Iure ökologischen Grenzen? Welche stellt Ihr trotzdem her, welche nicht?

Eigentlich haben wir für fast jede Anforderung eine Alternative. Bei der Wäsche und den Outdoorartikeln gibt es Grenzen. Da wir komplett auf FSC-Verbindungen verzichten, können unsere Outdoor Artikel keine extremen Anforderungen bei der Wasserdichtigkeit erfüllen.

Passend zu dem Thema haben wir Euch ja schon einmal eine Anfrage geschickt: warum die Nähte Eurer (sich absolut super anfühlenden) Strumpfhosen nicht so gut halten wie die von Konventionellen. Eure Antwort, dass ihr von synthethischen Nähten absehen möchtet, hat mich bestärkt, meine Strumpfhosen weiter bei Euch zu kaufen, auch wenn ich Abstriche machen muss.

Zurück zu Bade- und Regenkleidung. Genau diese Kleidungsstücke sind ja meistens besonders schädlich für Gesundheit und Umwelt. Ich habe eine einzige, allerdings trotzdem synthethische Regenkleidung bei BMS Räuberwald, gefunden, die Ökotex 100 für die Produktklasse 1 zertifiziert ist. Es heißt, dass für die Produktklasse 1 besonders strenge Prüfkriterien vorgesehen sind, da sie Textilien und textile Spielwaren für Babys und Kleinkinder zum vollendeten 3. Lebensjahr umfasst. Wieso orientiert sich Hessnatur nicht an den höchst möglichen Standards und produziert bestimmte Textilien, die zwar in Sachen Ökologie nicht ganz ideal sind, aber trotzdem die beste Alternative darstellen, evtl. auch mit einem Disclaimer? Das würde es vielen Eltern einfacher machen, zumindest das beste Produkt aus einer Gattung zu finden, anstelle entnervt zu einem konventionellen und vielleicht giftbelasteten Produkt zu greifen.

Wir gehen ja schon in diese Richtung. Es gibt aber immer Artikel die bedenklich bleiben, etwa Babyschnuller. Diese Produkte hatten wir früher im Angebot, aber es kam immer wieder zu Qualitätsproblemen, sodass wir uns dann entschieden haben, die Produkte aus dem Angebot zu nehmen.

Wieso stellt Ihr also keine Badeanzüge, z.B. aus Bambus oder Baumwolle her? Könnte man nicht auch altmodische Wachs-Regenkleidung herstellen?

Wir haben solche Produkte im Angebot, etwa unsere Biowachsparka und unsere Raincare Jacken. Allerdings sind nicht alle Artikel in jeder Saison verfügbar. Das Kaufverhalten hat immer einen wesentlichen Einfluss auf das Produktangebot. Dabei wäre Badekleidung aus Baumwolle eher exotisch und wir sehen hier keinen Markt für uns.

Was haltet Ihr von Gummistiefeln aus Naturkautschuck?

Das ist ein interessanter Vorschlag. Allerdings planen wir gegenwärtig uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir besonders gut können und bei denen wir deutlich vor anderen Anbietern liegen, als jede mögliche Nische zu besetzen.

Zum guten Schluss noch ein paar Fragen, die uns immer schon auf der Zunge brannten:

Was sind Eure Instrumente und Forschungsansätze, um die Grenzen der ökologischen Produktion auszuweiten?

Entscheidend für unsere Innovationen sind unsere Nachhaltigkeitsabteilung bzw. jetzt die Hessnatur Stiftung von der viele Impulse ausgehen. Außerdem erhalten wir immer wieder Anregungen durch die Kooperation mit Hochschulen.

Wie läuft der Flachs-Anbau in Hessen? Welche Textilien gibt es schon aus heimischer Bio-Produktion und wie kommen sie an?

Die Klassiker bei Hessnatur sind die Artikel aus Rhönwolle und aus Hessen Leinen. Sie sind fester Bestandteil des Sortiments. Allerdings haben es unsere Bauern im Zuge der klimatischen Veränderungen immer schwerer Flachs anzubauen. Wenn im Mai kein Regen fällt, steht es nicht gut um die Ernte von Hessen Leinen.

Spielt Upcycling eine Rolle bei Euch?

Upcycling spielt seit vielen Jahren eine große Rolle, erst jüngst mit Recycled Cashmere. Mit der Berliner Modehochschule ESMOD haben wir eigenen Upcycling Kollektionen auf den Markt gebracht.

Können wir in Zukunft auf mehr heimische, Zero Waste und Upcycling Produkte bei Euch hoffen?

Wir haben immer ein Auge auf mögliche neue Projekte oder Ideen. Das Thema Zero Waste wird weiter ausgebaut, und vielleicht sind Zukunft ja neue Produktionsverfahren möglich, die ganz neue Chancen für die Kreislaufführung von Naturfasern bieten.

Vielen Dank nochmals! Wir sind froh, dass es Euch gibt!

Eure Sustainians

p.s.

Kleiner Tipp: man findet auch immer wieder gute Second Hand Hessnatur Kleidung, z.B. für Kids.

 

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Weitere Infos und jede Menge Interaktion findet ihr auf unserer Facebookseite “Finding Sustainia“ und bei Twitter unter @Finding_S.

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